Logo

<<zurück

Die Partnerstädte

Herbstwanderung am 03. Okt. 2005

Kultour!

Die zweite!

Einen besonderen Leckerbissen hatte die Einladung zur diesjährigen Herbstwanderung des Partnerschaftsvereins versprochen. Das nächtliche Leben (nicht zu verwechseln mit dem Nachtleben!) einer mittelalterlichen Stadt sollte uns nahegebracht werden.

Von dieser Ankündigung angelockt, fanden sich mehr als 50 Vereinsmitglieder am vereinbarten Treffpunkt in Stadt Blankenberg ein. Pünktlich um 20:00h tauchte die erste Nachtgestalt auf, in zeitgenössischer Nachtwächtermontur, ausgestattet mit Horn, Laterne und Hellebarde. "Kommt mir irgendwie bekannt vor", dachte so mancher von uns - und wirklich, bei genauerem Hinsehen erkannte man trotz Umhang und Kapuze unser Vereinsmitglied, Frau Marlies Heuser, die uns schon im vergangenen Jahr über die vier Höfe geführt hatte.

Zusammen mit mehreren anderen Damen und Herren, führt sie im Auftrag der Stadt Hennef Stadtführungen, Rundgänge, Besichtigungen sowie diverse Wanderungen in und um Hennef durch. Einzelheit sind auf der Homepage der Stadt Hennef unter "KulTouren, Stadtführungen und Wanderungen" zu erfahren.

Die Nachtwächterführung in Stadt Blankenberg hatte der Verein für seine Mitglieder gebucht. Nachdem Frau Heuser Unterstützung durch eine zweite Nachtwächterin erhalten hatte, teilten wir uns in zwei Gruppen auf und die Führung konnte beginnen. Noch außerhalb der Stadtmauern, beim ehemaligen Feuerlöschteich, erhielten wir einige Informationen über den Weinbau - früher und heute - an den umliegenden Hängen. Uns wurde versichert, dass die heute produzierten Weine durchaus empfehlenswert und nicht etwa sogenannte "Drei-Männer-Weine" (einer trinkt, einer hält in fest und der dritte flößt ihm das Gesöff ein) sind. Dann ging's ohne "Torschlusspanik" durch das Katharinentor in die Stadt. Dieses Stadttor zeitgerecht zu schließen, war eine der Aufgaben eines mittelalterlichen Nachtwächters, erfuhren wir von Frau Heuser.

Auch die anderen wichtigen Aufgaben wurden uns erläutert, dass der Beruf nicht ganz ungefährlich
war, wozu man eine Hellebarde brauchte, und warum es nicht sonderlich ungewöhnlich war, dass eine Frau diese Aufgaben wahrnimmt. Das hatte nicht etwa mit frühen mittelalterlichen Gleichberechtigungsbestrebungen zu tun, sondern mit dem gelegentlich allzu ausgiebigen Alkoholkonsum des eigentlichen Nachtwächters während des Tages, so dass seine Ehefrau einspringen musste. Heute übernimmt in solchen Fällen die Frau die Autoschlüssel, früher war es die Hellebarde.) Das Runenhaus war unser nächster Anlaufpunkt. Benannt nach seinem schönen Fachwerk, dient es heute als Kindergarten.

Nonne des KatharinenklostersAuf dem Weg zum Marktplatz begegnete uns eine Nonne, die gerade im Begriff war, den Zugang zur Kirche St. Katharina zu verschließen. Erfreut über unser Interesse führte sie uns in den Hof vor der Kirche, berichtete über die Regeln, Sitten und Gebräuche im Kloster, und gab uns damit einen kleinen Einblick in das enthaltsame entbehrungsreiche Leben der Zisterzienserinnen.

In unserer Gruppe waren mehrere Kinder. Sie hatten bisher abwechseln eine Laterne getragen. Aber die Hellebarde, die hatte es ihnen besonders angetan. Unsere Nachtwächterin war über die Unterstützung recht froh, und so marschierte den Rest des Weges eine kleine Kinderschar mit stolz in die Höhe gereckter Waffe vorweg.
Nach wenigen Minuten erreichten wir einen Aussichtspunkt am nordwestlichen Stadtrand. Die beleuchtete Burganlage, Reste von Vorburg, Bastionsturm und Bergfried lagen vor uns. In der Ferne war die Abtei St. Michael zu sehen.

Die Grafen von Sayn, Herren der Burg Blankenberg, und der Abt von Siegburg waren zutiefst zerstritten. Hier konnten sie sich, wenn auch auf einige Entfernung, Auge in Auge gegenüberstehen und sich gegenseitig ins Nachtgebet aufnehmen.

Am Grabenturm erwartete uns ein weiteres Highlight der Stadtführung. Eine Magd der gräflichen Familie suchte Küchengehilfen zur Vorbereitung eines festlichen Mahls.

Wir erhielten Informationen über mittelalterliche Essgewohnheiten und die Ausgestaltung einer Festtafel. Anschließend war die Verkostung von nach alten Rezepten hergestelltem Natursauerbrot vorgesehen. Aber daraus wurde nichts. So unglaublich es klingt, das bereitgelegte Brot und ein Magdkostüm waren gestohlen worden. Die Diebe hatten offensichtlich die Gelegenheit genutzt, während uns die Magd als Nonne an der Kirche St. Katharina empfangen hatte. Selbst in diesem kleinen Ort mit nur gut 600 Einwohnern, wo Jeder Jeden kennt, selbst hier gibt es "Diebsgesindel und Lumpenpack" - um in der mittelalterlichen Terminologie zu bleiben. Ob hier die drastischen Erziehungsmittel des Mittelalters - peinliche Befragung und Hand abhacken - helfen würden?

Für uns näherte sich die nächtliche Führung dem Ende. Wieder auf dem Marktplatz angekommen wurde ein Schluck Met angeboten. Süß und fruchtig, ob der früher wirklich so geschmeckt hat?

Zum Ausklang des Abends hatte der Partnerschaftsverein noch auf ein Gläschen ins Restaurant "Zum Alten Turm" eingeladen. Nicht nur Neu-Hennefer, sondern auch die Ureinwohner hatten von den Nachtgestalten Neues erfahren, vor langer Zeit Gehörtes war wieder an die Oberfläche geholt worden, und so ging der Gesprächsstoff lange nicht aus.

Clemens Reiter